Geh und handle genauso!

Wer ist mein Nächster? Der Herr antwortet auf diese Frage des Gesetzeslehrers mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter. So eröffnet er ihm und auch uns den Horizont der Seligpreisungen, die uns die Tiefen des göttlichen Gesetzes aufzeigen.

Barmherzigkeit
Opus Dei - Geh und handle genauso!

Bei einer Gelegenheit kam ein Gesetzeslehrer, um Jesus zu fragen, was er tun müsse, um das ewige Leben zu gewinnen. In Wirklichkeit wollte er den Rabbi aus Nazareth auf die Probe stellen, da er nicht wusste, was er von ihm halten sollte[1]. Aber diesen stört das nicht. Jesus nimmt das Gespräch mit ihm auf und fragt seinerseits: Was steht im Gesetz? Was liest du dort?[2] Der Lehrer antwortet mit dem Shemá Israel – Höre Israel –, das jeder Israelit schon als Kind lernte: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft![3] Und entsprechend dem Buch Leviticus fügt er hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.[4] An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten[5], worauf Christus zu ihm sagt: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben.[6] Der Gesetzeslehrer hatte nicht damit gerechnet, dass seine Frage mit so entwaffnender Einfachheit beantwortet würde. Er will seine Frage rechtfertigen[7] und insistiert mit einer neuen Frage: Und wer ist mein Nächster?[8] Jesus, der das Vertrauen seines Gesprächspartners gewinnen möchte, gibt nicht auf. In der ihm eigenen Sprache, die schlicht und feierlich zugleich ist, erzählt er das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Damit erreicht er sein Herz und das der Männer und Frauen aller Zeiten.

Zum Nächsten werden

In dem armen, auf seinem Weg von Jericho nach Jerusalem überfallenen Mann sahen die Kirchenlehrer Adam und – da Adam Mensch bedeutet – mit ihm die gesamte Menschheit, entstellt durch ihre eigene Sünde, durch unsere persönliche Sünde. Im barmherzigen Samariter erkannten sie Jesus, der kam, um uns mit unerschöpflicher Geduld zu heilen, nachdem die vorübergegangen waren, die in Wirklichkeit nicht die Fähigkeit hatten, der Welt Heilung zu bringen. Jesus aber kann und will heilen. So stellt eine altehrwürdige Homilie Jesu Begegnung mit Adam – die zugleich Begegnung mit jedem von uns meint – beim Abstieg in das Reich der Toten so dar: „Ich bin dein Gott, der für dich und für alle, die aus dir geboren werden, dein Sohn geworden ist. Ich sage dir, dass ich die Macht habe, den Gefangenen zu sagen: ‚Kommt heraus!’, denen, die im Finstern sind: ‚Es werde Licht!’ und denen, die schlafen: ‚Steht auf!’“[9]. Zusammen mit Jesus sind seine Gesalbten, die Christen, gerufen, seine Erlösung zu bringen, d.h. barmherzige Samariter zu sein. Wie ihr Herr, so sollen auch sie die Wunden der Menschen verbinden, sie mit Öl und Wein behandeln[10]. Sie sollen gute Wirtsleute sein, bis der Samariter wiederkommt. „Diese Herberge – ihr merkt es – ist die Kirche. Jetzt ist sie Herberge, denn unser Leben bedeutet unterwegs sein. Später wird sie das Haus sein, das wir nie mehr verlassen, wenn wir nämlich heil im Himmel angekommen sind. Bis dahin sind wir dankbar für den Aufenthalt in der Herberge.“[11]

Das ist der Horizont, den der Herr dem Gesetzeslehrer und mit ihm allen Christen, allen Menschen eröffnen will. Er wirft ihm keine Engherzigkeit vor, sondern bringt ihn zuerst zum Nachdenken und dann zum Träumen: Dann geh und handle genauso[12]. Wie häufig bei den Evangelien, ist es gut, nicht zu schnell über das Berichtete hinwegzulesen. Die Antwort auf die Frage Jesu, wer denn der Nächste sei, scheint auf der Hand zu liegen: Der barmherzig an ihm gehandelt hat[13]. Nicht so klar ist hingegen, warum der Herr diese Frage stellt, die die Blickrichtung des Gesetzeslehrers wendet: „Jesus kehrt die Perspektive um: Es geht nicht darum, den anderen als meinesgleichen anzuerkennen, sondern um meine Fähigkeit, mich dem anderen gleich zu machen“[14]. Angesichts einer engen Sichtweise, die den Aktionsradius, in dem man Gutes tun will – ihn beispielsweise auf Leute beschränken, die zur eigenen Gruppe gehören oder von denen ich weiß, dass sie mir später das Gute zurückzahlen –, lädt der Herr dazu ein, den Blick zu heben und im anderen den Nächsten zu sehen.

Das Wort Nächster hört auf, einen Menschen zu meinen, der meine Aufmerksamkeit verdient, und wird zu einer Aufforderung an das eigene Herz. Es ist die Pädagogik Gottes, die die Frage: Wem soll man Gutes tun? umwandelt. Was zuvor Diskussionsthemaund Kasuistik in Rabbiner-Schulen war – wo die Grenze liege, inwieweit man Mitleid mit anderen haben solle –, wird zu kühner Herausforderung. Der hl. Johannes Paul II. sagte es so: „Der Christ fragt sich nicht, wen er lieben muss; denn die Frage, wer der Nächste ist, bedeutet schon, dass man Grenzen setzt und Bedingungen stellt (…). Die richtige Frage heißt nicht: ‚Wer ist mein Nächster?’, sondern: ‚Wessen Nächster soll ich sein?’ Und die Antwort lautet: ‚Jeder, der Not leidet, auch wenn ich ihn nicht kenne, wird mein Nächster, dem ich helfen muss.’“[15]. Das ist das Nahesein[16] nach Papst Franziskus, der uns an unsere Berufung erinnert, unserem Nächsten Nächster zu sein, „Inseln der Barmherzigkeit inmitten eines Meeres der Gleichgültigkeit“[17].

Der Weg zur Fülle des Gesetzes

Man könnte sagen, dieses Gespräch mit dem Gesetzeslehrer fasst den Weg zusammen, der von den moralischen Lehren des Alten Testaments bis zur Fülle des sittlichen Lebens in Christus führt. Wie der heilige Paulus sagt, ist das Gesetz des auserwählten Volkes gut und heilig[18], aber nicht endgültig. Es war vor allem dazu bestimmt, die Herzen auf die Ankunft unseres Herrn vorzubereiten. Die Frage des Pharisäers: Welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?[19] scheint eine gewisse Hilflosigkeit anzudeuten angesichts der Menge an Vorschriften, die zusammen mit einer legalistischen Sicht in das religiöse Leben Israels eingedrungen waren. In einem anderen Zusammenhang beklagt sich Christus über die Gesetzeslehrer: Ihr ladet den Menschen Lasten auf, die sie kaum tragen können, selbst aber rührt ihr keinen Finger dafür.[20] Mehr noch, zum Teil waren menschliche Traditionen eine Entschuldigung dafür geworden, nicht dem göttlichen Gebot folgen zu müssen. So entlarvt der Herr die Haltung derer, die die Opfergaben für den Tempel zum Vorwand nahmen, um ihre Eltern nicht zu unterstützen[21].

Deshalb betont Christus das Wesentliche: die Liebe zu Gott und zum Nächsten. Auf diese Weise erfüllt sich, was er von sich selbst sagt, nämlich dass er nicht gekommen ist, das Gesetz oder die Propheten abzuschaffen. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.[22] Der Bund, den Gott mit seinem Volk geschlossen hatte, brachte einige Vorschriften mit sich, die ursprünglich nicht zum Ziel hatten, ihm Lasten aufzuerlegen, sondern ganz im Gegenteil, es auf Wege der Freiheit zu führen: Hiermit lege ich dir heute das Leben und das Glück, den Tod und das Unglück vor. Wenn du die Gebote des Herrn, deines Gottes, auf die ich dich heute verpflichte, hörst (…), dann wirst du leben und zahlreich werden und der Herr, dein Gott, wird dich in dem Land, in das du hineinziehst, um es in Besitz zu nehmen, segnen.[23]

Das den Israeliten versprochene Land ist ein Symbol für das innere Land, in das Männer und Frauen aller Zeiten eintreten können, wenn sie die Gebote des Herrn in rechter Gesinnung leben. Sie sind eine Tür, um zur Gemeinschaft mit Gott zu gelangen; denn abseits von ihm ist jedes andere Land unbewohnbar. Um das Glück zu finden, bedarf es nicht eines bequemen Lebens, sondern eines verliebten Herzens.[24]

Die rituellen und gesetzlichen Vorschriften des Volkes Israel waren mit der Ankunft Jesu Christi beendet. Die Zehn Gebote aber, auch bekannt unter dem Namen Dekalog, sind überzeitlich; denn sie enthalten die Grundprinzipien, um Gott lieben zu können. Sie stellen ihn an die Spitze von allem, lassen seinen heiligen Namen verehren und widmen ihm die Feiertage, wie die Christen es zum Beispiel mit dem Sonntag tun. Den anderen Geboten folgend lieben und ehren wir unsere Eltern, schützen das Leben, die Reinheit des Herzens usw. Wie viele Generationen von Israeliten bedachten die Wahrheit und die liebevolle väterliche Sorge, die die Zehn Gebote enthalten! Deine Vorschriften sind auf ewig mein Erbteil; denn sie sind die Freude meines Herzens[25], ein Beweis des Erbarmens Gottes, der nicht will, dass wir vom Wege abkommen, sondern dass wir das Leben in Fülle haben. Die Welt scheint manchmal gegen die Gebote zu rebellieren, als wären es vorsintflutliche Vorschriften für einen noch kindlichen Zustand der Menschheit. Aber es gibt genügend Beispiele für Gesellschaften und Personen, die sich selbst zerstören, weil sie glauben, die Gebote ignorieren zu können. Die Zehn Gebote des Herrn sind die konstanten Maßstäbe im Inneren des Menschen; wenn man sie verändert, wird sein Herz bis zur Unkenntlichkeit entstellt.

Damit ihr Kinder eures Vaters seid

Der Dekalog findet sich im Inneren des Neuen Gesetzes, das Jesus Christus eingesetzt hat, als er sein Leben am Kreuz zu unserer Rettung hingab. Dieses neue Gesetz ist die Gnade des Heiligen Geistes, die wir durch den Glauben an Christus empfangen[26]. Es geht also weniger darum, moralische Integrität anzustreben als darum, in Jesus zu leben, ihm immer ähnlicher zu werden, zuzulassen, dass der Heilige Geist uns umwandelt, damit wir so seine Gebote erfüllen.

Wie können wir Christus ähnlicher werden? Wo können wir seine Art zu sein entdecken? Der Katechismus lehrt: „Die Seligpreisungen spiegeln das Antlitz Jesu Christi und seine Liebe“[27]. In den Lehren, die die Evangelien zusammenfassen, sehen wir das Angesicht unseres Herrn, das die barmherzige Liebe des Vaters zu allen Menschen offenbart. Sie enthalten die dem Auserwählten Volk gegebenen Verheißungen und vollenden sie, indem sie diese nicht mehr bloß auf den Besitz des Landes, sondern auf das Himmelreich ausrichten[28].

Im Matthäusevangelium beziehen sich die ersten vier Seligpreisungen auf Haltungen oder Seinsweisen, die in den Worten Jesu deutlich werden: Selig, die arm sind vor Gott[29], selig, die Trauernden[30], selig, die keine Gewalt anwenden[31], selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit[32]. Sie laden ein, vollkommen auf Gott und nicht auf unsere menschlichen Kräfte zu vertrauen, Leiden mit christlicher Haltung zu tragen und Tag für Tag geduldig zu sein. Zu diesen Seligpreisungen kommen die anderen hinzu, die Handlungsweisen hervorheben: Selig die Barmherzigen[33], die ein reines Herz haben[34], die Frieden stiften[35] und andere, die beinhalten, dass wir Widerspruch zu ertragen haben[36], wenn wir Jesus nachfolgen – immer mit Freude, denn die Glückseligkeit des Himmels ist für die, die es verstehen, bereits hier auf Erden wahrhaft glücklich zu leben[37].

Gewiss offenbaren die Seligpreisungen Gottes Barmherzigkeit, der denen, die ihm folgen, grenzenlose Freude schenkt. Freut euch und jubelt! Euer Lohn im Himmel wird groß sein.[38] Sie sind jedoch keine Sammlung von Aphorismen, die eine bessere, utopische Welt versprechen, die irgendjemand möglich machen wird, oder die über aktuelle Schwierigkeiten hinwegtäuschen wollen. Im Gegenteil – die Seligpreisungen sind ein herausfordernder Ruf Gottes an das Herz jedes Menschen. Sie wollen dazu bewegen, sich für das Gute und für die Gerechtigkeit bereits auf dieser Erde einzusetzen.

Die Seligpreisungen häufig im persönlichen Gebet zu betrachten kann helfen, sie im täglichen Leben umzusetzen. Die Sanftmut etwa konkretisiert sich im freundlichen Lächeln für jemanden, der dich stört, im Schweigen gegenüber ungerechten Vorwürfen, im wohlwollenden Verhalten gegenüber zudringlichen Menschen und solchen, die ungelegen kommen, in der Nachsicht mit den lästigen Angewohnheiten derjenigen, mit denen du täglich zu tun hast und die dir auf die Nerven fallen[39].

Zugleich nimmt jemand, der sich bemüht, dem Geist der Seligpreisungen gemäß zu leben, Verhaltensweisen und Einstellungen an, die ihm helfen, die Gebote zu halten. Die Herzensreinheit erlaubt ihm, das Bild Gottes in jedem Menschen zu sehen, weil er Respekt verdient und kein Objekt ist zur Befriedigung verkehrter egoistischer Wünsche. Den Frieden zu lieben hilft, als Kinder Gottes zu leben, die anderen als seine Kinder anzuerkennen und so dem alles übersteigenden Weg[40] der Liebe zu folgen, die alles erträgt, alles glaubt, alles hofft, allem standhält[41], da sie die Beleidigungen in eine Gelegenheit verwandelt zu lieben und für die zu beten, die ihren Mitmenschen schaden[42]. Wenn wir uns bemühen, unser Herz entsprechend den Zügen, die die Seligpreisungen vorgeben, zu bilden, verwirklicht sich schließlich das Ideal, das Christus uns vor Augen stellt: Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist.[43] Dann werden wir zu Trägern der Liebe Gottes. Wir lernen, im anderen den Nächsten zu sehen, der unsere Hilfe braucht, und sind in Christus der barmherzige Samariter, der das Gebot der Liebe voll erfüllt. Dann wird unser Herz so weit wie das der Jungfrau Maria.

Carlos Ayxelá - Rodolfo Valdés


[1] Vgl. Lk 10, 25.

[2] Lk 10, 26.

[3] Dtn 6, 5.

[4] Lev 19, 18.

[5] Mt 22, 40.

[6] Lk 10, 28.

[7] Lk 10, 29.

[8] Ebd.

[9] Homilie über den großen heiligen Sabbat (PG 43, 462).

[10] Vgl. Lk 10, 34.

[11] Hl. Augustinus, Predigt 131, 6.

[12] Lk 10, 37.

[13] Ebd.

[14] Papst Franziskus, Botschaft, 24.1.2014.

[15] Hl. Johannes Paul II., Ansprache, 2.2.1999.

[16] Papst Franziskus, Apost. Schreiben Evangelii Gaudium, Nr. 169.

[17] Papst Franziskus, Botschaft, 4.10.2014.

[18] Vgl. Röm 7,12.

[19] Mt 22, 36.

[20] Lk 11, 46.

[21] Vgl. Mt 15, 3-6.

[22] Mt 5, 17.

[23] Deut 30, 15-18.

[24] Hl. Josefmaria, Die Spur des Sämanns, Nr. 795.

[25] Ps 119, 111.

[26] Vgl. S. Th., I-II, q. 106, a.1, c. u. ad2; zit. In hl. Joh. Paul II., Enz. Veritatis Splendor, Nr. 24.

[27] KKK, Nr. 1717.

[28] Vgl. KKK, Nr. 1716.

[29] Mt 5, 3.

[30] Mt 5, 4.

[31] Mt 5,5.

[32] Mt 5, 6.

[33] Mt 5, 7.

[34] Mt 5, 8.

[35] Mt 5, 9.

[36] Vgl. Mt 5, 10-12.

[37] Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 1005.

[38] Mt 5, 12.

[39] Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 173.

[40] 1. Kor 12, 31.

[41] 1. Kor 13, 7.

[42] s. Mt 5, 44-45.

[43] Lk 6, 36.