Vom begüterten Egozentriker zur Selbsthingabe im Alltag

Ein Seligsprechungsprozess über einen Schweizer ETH-Ingenieur? Tatsächlich führt das Bistum Chur ein solches Verfahren durch über Toni Zweifel, ein Laienmitglied des Opus Dei. Seine Biografie wurde am 21 September vorgestellt. Rund 80 interessierte Personen, unter ihnen auch Dr. Josef Annen, Generalvikar des Bistums Chur für die Kantone Zürich und Glarus, erfuhren am vergangenen Donnerstag Näheres über diesen so «ungewöhnlich gewöhnlichen» Weltchristen.

Opus Dei in der Schweiz
Opus Dei - Vom begüterten Egozentriker zur Selbsthingabe im Alltag

Die Vernissage im Zürcher Studentenhaus Allenmoos wurde eröffnet durch den jungen Ingenieur Matteo Frondoni.Er machte die Zuhörer mit Toni Zweifels Lebenslauf vertraut. Daraufhin präsentierte und kommentierte der Autor, Augustin L. Kindler, seine kürzlich erschienene Biografie. Er war viele Jahre lang täglicher Augenzeuge von Tonis Leben gewesen.

Von der Selbstgefälligkeit zur Selbsthingabe

Zur Sprache kam unter anderem Tonis innerer Weg von der Selbstzufriedenheit eines erfolgsgewohnten Millionärssohns zur Selbsthingabe im Opus Dei. Dazu zitierte der Autor aus einem Brief Tonis an den hl. Josefmaria Escrivá, den Gründer des Opus Dei:

«Ich hatte mir rein menschliche Ziele gesetzt: Erfolg, die Liebe eines Mädchens. Weiter wagte ich nicht zu denken, weil ich Angst hatte, dass ich dann zu einer Entscheidung gezwungen sein würde, die mich mein Leben lang binden würde. Doch dann kam mir der Gedanke, dass es nun für den Rest meines Lebens so weitergehen würde, beherrscht von immer denselben Neigungen und Ambitionen. Und da wurde mir klar, dass es das nicht sein konnte: dass ich darüber hinausgehen, wahrhaft lieben, mit der Liebe meine Egozentrik überwinden, dass ich eine Entscheidung treffen und eine Verpflichtung eingehen musste.»

Die Konsequenz, die Toni daraus zog, war der Beitritt zum Opus Dei, das er an der ETH Zürich kennen gelernt hatte und das ihm, wie er schrieb, «geradezu wie eine Verkörperung des Glaubens» erschien. Er löste sich resolut von seinen Besitztümern, trennte sich aber nicht von «der Welt»; vielmehr führte er mitten in ihr ein im besten Sinne christliches Berufs- und Sozialleben.

Rund 80 Interessierte besuchten die Vernissage.

Bewährung in Leid und Niederlage

Anschaulich berichtete der Verfasser auch von den grossen Prüfungen, in denen sich Toni zu bewähren hatte. Dazu gehörte das dramatische Scheitern beim Versuch, ein internationales Tagungszentrum zu errichten. Toni war schon auf der Zielgeraden, als ihn eine massive Medienkampagne überrollte und eine jahrelange Arbeit zunichtemachte. Kindler dazu:

Es war tief beeindruckend zu sehen, mit welchem übernatürlichen Geist Toni all dies bewältigte. Nie hörte man ihn klagen. Er nahm die Vorsehung an im Vertrauen, dass Gott mehr weiß. Er lehnte sich nicht auf, warf kein Handtuch und redete niemandem übel nach. Mehr noch: Toni lernte aus alledem in der Praxis die Lektion, allein zur Ehre Gottes zu arbeiten. Zu seiner eigenen Überraschung entdeckte er, dass der faktische Erfolg nicht das Entscheidende einer gottgefälligen Arbeit ist; dass man nicht nur im Sieg, sondern auch in der Niederlage mit Christus eins werden kann.

Die letzte und grösste Bewährungsprobe war die tödliche Leukämie, die ihn mit 48 Jahren, auf dem Zenit seiner Schaffenskraft, ereilte und die ihn innerhalb von drei Jahren dahinraffen sollte. Weit davon entfernt, ihn zu verbittern, führte ihn diese Erfahrung zu einem noch tieferen Einswerden mit dem Gekreuzigten. Biograf Kindler bezeugte, dass Toni in der Krankheit ein «Gottesgeschenk» sah, die Möglichkeit, sich in aller Ruhe auf den Tod vorzubereiten. Toni soll in dieser Situation mehrmals gesagt haben, sein Leben sei eine Liebesgeschichte gewesen. Bewegend war schliesslich die Schilderung von Tonis letzten Minuten, die der Autor persönlich miterlebte.

Autor Augustin L. Kindler liest und kommentiert seine Biografie

Pionier im Stiftungswesen

Natürlich konnte ein Wort zu Tonis Lebenswerk, der Zürcher Limmat Stiftung, nicht fehlen. Diesen Part übernahm Elisabeth András, Präsidentin des Stiftungsrates. Sie rechnete nicht nur vor, dass die heute 45-jährige Stiftung bisher 964 Projekte in 78 Ländern unterstützt und so zur Verbesserung der Lebensverhältnisse Hunderttausender beigetragen hat. Sie unterstrich auch, dass Toni nicht bloss eine weitere unter bereits vielen Stiftungen geschaffen hatte, sondern einen neuen Stiftungstyp: eine sogenannte Dachstiftung. Eine solche kann viele verschiedene Stiftungen - sog. Zustiftungen - mit ihrem je eigenen Zweck beherbergen. Die Zustiftungen profitieren vom Knowhow der Dachstruktur, und ihre Verwaltungskosten sind nur halb so hoch wie jene einer selbständigen Stiftung. Die von Toni geprägte Stiftungsphilosophie, so die Referentin, legt bis heute den Schwerpunkt auf die Ausbildung, oder noch präziser: auf die Ausbildung von Ausbildnern. Nur so sei eine nachhaltige gesellschaftliche Entwicklung möglich. Ein weiterer Schwerpunkt, den Toni setzte, war die Förderung der Frau. 60 Prozent der durch die Stiftung Begünstigten sind Frauen. Ein weiterer zentraler Punkt sei die sorgfältige Auswahl der Partner vor Ort, um jeder Veruntreuung oder Verschwendung von Spendengeldern vorzubeugen. Zum Schluss wurde dem Publikum per Video ein konkretes, von der Stiftung gefördertes Projekt vorgestellt, das in die Zeit von Toni Zweifel zurückreicht: «Condoray», ein Berufsbildungszentrum in San Vicente de Cañete, Peru.

Elisabeth András, Stiftungsratspräsidentin der von Toni gegründeten Limmat Stiftung

Der Seligsprechungsprozess

Seit 2001 ist im Bistum Chur ein Seligsprechungsprozess über Toni Zweifel im Gang. Über seine Gründe und seinen Verlauf berichtete der Postulator, Dr. Andreas Wildhaber. Den Anstoss dazu gab, wie er ausführte, die Verehrung, die Toni als Christ in der Welt bei immer mehr Glaubensgeschwistern genoss, weit über das Opus Dei und über die Schweiz hinaus. Inzwischen seien die Zeugeneinvernahmen abgeschlossen worden. Die Dokumentation werde zurzeit geordnet und auf ihre Vollständigkeit hin überprüft. Sie wird anschliessend der vatikanischen Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungen vorgelegt.


TONI ZWEIFEL. Geheiligter Alltag.

Von Augustin L. Kindler.

Adamas Verlag, Köln 2017, 196 Seiten. € 16,00 / CHF 18.­-

ISBN 978 3 937626 36 9