Wir können den lebenden Jesus in unserem Alltag „berühren“

Fernando Ocariz, der Prälat des Opus Dei, im Gespräch mit Teresa Gutiérrez de Cabiedes. Teil-Veröffentlichung des spanischen Originals am 14. September 2017 in der katholischen Wochenzeitung Alfa y Omega, Madrid. Wir bringen eine Übersetzung des vollständigen Interviews.

Interviews
Opus Dei - Wir können den lebenden Jesus in unserem Alltag „berühren“

Die Hände ineinandergelegt steht er da und spricht mit einem Lächeln, das seine Worte schüchtern und zugleich humorvoll wirken lässt. Mit seinen 72 Jahren spielt er beim Tennis eine gekonnte Rückhand. Der liebenswürdige Blick gleicht seine zurückhaltende Ausdrucksweise aus.

In der jüngeren Geschichte unseres Landes hat das Opus Dei eine tiefe Spur hinterlassen. Nicht nur weil sein Gründer, der ja auf allen fünf Kontinenten ein gottgegebenes Charisma entfaltet hat, aus dem spanischen Aragonien kam. Vielmehr zählt, dass das Opus Dei im Bereich der Erziehung, in der Öffentlichkeit und besonders im Alltagsleben Tausender präsent ist. Das macht es reizvoll, den Leiter einer neuen Etappe genauer zu befragen.

Das Gespräch ist als Dialog von Herz zu Herz angelegt. Die Leser sollen wissen, dass wir den Heiligen Geist zu Beginn nachdrücklich gebeten haben, er möge unsere Worte segnen und Widerhall in den Lesern finden lassen. Die Fragende möchte eine von vielen Fragenden sein, geradewegs und konstruktiv, so vertrauensvoll und freimütig wie möglich.

Fernando Ocariz und Teresa Gutiérrez de Cabiedes

Mehr als hundert Tagen nach Ihrer Wahl weiß ich nicht recht, ob ich Ihnen zu der Bürde gratulieren oder kondolieren soll, die nun auf Ihren Schultern lastet. Wie erleben Sie die spirituelle Vaterschaft gegenüber Tausenden Menschen weltweit?

Mir ist bewusst, dass ich eine große Verantwortung übernommen habe, bin aber innerlich ruhig. Vor allem hilft mir zu wissen, dass Gott mit jedem Auftrag auch die nötige Gnade gibt, ihn auszuführen. Außerdem bestärkt mich die Nähe und die Zuwendung, die mich der Papst anlässlich meiner Ernennung wie auch später bei einem Besuch hat spüren lassen. Auch weiß ich mich vom Gebet und der Zuneigung vieler Menschen getragen. Ich denke da an den Brief eines kranken Jugendlichem, in dem er mir sein Leiden geradezu „darbrachte“. Und ich denke an all die Mitglieder des Opus Dei und viele andere. So erkläre ich mir meine Gelassenheit in den vergangenen Monaten.

Lassen Ihre Tennisgegner Sie nun nach Ihrer Wahl zum Prälaten häufiger gewinnen?

Das will ich nicht hoffen. Ich würde es sowieso gleich merken, und das Match würde uninteressant.

Ihre erste Pastoralreise führte Sie kürzlich nach Spanien, wo Sie Angehörige und Freunde des Opus Dei besucht haben. Welche Botschaft wollten Sie bei den persönlichen Begegnungen weitergeben?

Bei dieser Spanienreise wollte ich vor allem daran erinnern, dass Jesus Christus die Mitte unseres Lebens als Christen einnehmen soll. Wie Benedikt XVI. in seiner ersten Enzyklika unterstrich und Papst Franziskus gern wiederholt, hängt der Christ keiner Idee oder irgendeiner Lehre an, sondern folgt einer Person und liebt sie: Christus! Das wollte ich bei der Reise unterstreichen. Dabei habe ich den Akzent auf den Geist gelegt, wie er dem Opus Dei eigen ist, nämlich dass wir die Liebe Christi in das gewöhnliche Leben hineintragen sollen, in die Familie, in die Arbeit, in den Umgang mit unseren Freunden.

In Spanien hat das Opus Dei viel geistliche und soziale Frucht getragen. Aber es hat auch manche Kontroverse ausgelöst. Viele haben durch dieses Charisma zu Gott gefunden und sind glücklich. Es gibt aber auch eine Menge Menschen, die teilweise öffentlich berichten, ihre Zeit im Werk habe sie tief verwundet. Ist da etwas falsch gelaufen?

Über die 22 Jahre, die ich an der Seite von Don Javier [Anm. d. Übers: Bischof Echevarría, dem früheren Prälaten] gearbeitet habe, habe ich hören können, wie er Menschen um Verzeihung bat, die sich vom Verhalten eines seiner Kinder im Werk verletzt fühlten. Ich schließe mich dieser Bitte um Verzeihung an und wünsche ihnen aus ganzem Herzen, ihre Wunden mögen heilen und ihr Schmerz ein Ende finden.

Der heilige Josefmaria hat oft bemerkt, wie gerne er alle habe, die irgendwann an der Bildungsarbeit des Opus Dei teilhatten, und sei es nur für kurze Zeit. Umso mehr kann man sich vorstellen, wie sehr er Menschen schätzte, die einmal dem Opus Dei angehört hatten. Seine geistige Vaterschaft war tief empfunden: Man hört nie auf, einen Sohn oder Bruder zu lieben.

Man muss zwei Ebenen auseinanderhalten: Auf der einen Seite steht die Botschaft des Opus Dei, die einen offenen Weg in die Nachfolge Christi weist. Auf der anderen Seite sind da die Aktivitäten der Personen und der Zentren des Opus Dei, auf die die jeweiligen Umstände und Eigenarten natürlich Einfluss nehmen. Bei so vielen Beteiligten und Aktivitäten und trotz allen guten Willens ist es gewiss zu Verfehlungen, Unterlassungen, Fahrlässigkeit und Missverständnissen gekommen. Für jede einzelne möchte ich um Vergebung bitten.

Sie sprechen von Vergebung. Eine der Segnungen unseres Glaubens ist es zu wissen, dass uns Gottes Erbarmen trotz unserer Fehler annimmt, selbst wenn sie seinen Namen beflecken. Es war vielleicht der erfreulichste Moment unserer Geschichte, als Papst Johannes Paul II. im Namen der Kinder der Weltkirche aller Zeiten um Verzeihung bat.

Mir scheint, dass wir die Bitte um Vergebung nicht vom Lobpreis Gottes als Zeichen der Danksagung trennen dürfen. Dank für alle Gaben, die uns Gott in seinem Erbarmen unaufhörlich schenkt. Sie erreichen uns durch menschliche Vermittlung, die auf diese Weise zu einem Werkzeug göttlichen Handelns wird.

Diese beiden Dimensionen hat uns der heilige Johannes Paul II. zeit seines Lebens großartig vorgelebt. Sie müssen stets gegenwärtig bleiben, wenn wir die Hochherzigkeit Gottes und die Armseligkeit der Menschen betrachten. So war es auch an jenem Tag der Vergebung, den er im Rahmen des Großen Jubiläums 2000 angesetzt hatte. Und Benedikt XVI. hat bekräftigt, dass Vergebung die einzige Kraft ist, die das Böse zu bezwingen und die Welt verändern kann. An erster Stelle müssen wir Gott um Vergebung bitten. Außerdem denke ich, dass wir selbst versuchen müssen, in unserem eigenen Leben laufend um Vergebung zu bitten und selbst zu vergeben. Wir bitten ja täglich im Vaterunser darum. Aber in der Praxis vergessen wir es dann allzu oft. Sicherlich müssen wir bei der Wahrheit bleiben und können nicht etwa um Vergebung bitten, indem wir andere in einem oberflächlichen Meaculpismus indirekt und ungerechterweise beschuldigen. (Anm. d. Übers.: Von lat. „mea culpa“ – meine Schuld; eine Methode vermeintlicher Selbstbezichtigung.) Doch vergeben und um Vergebung bitten sind christliche Haltungen, die den Menschen nicht demütigen sondern erheben.

Im Westen erstarrt das Christentum in einem besorgniserregenden Winter an Berufungen. Zugleich keimt ein Frühling in der Kirche und schenkt Hoffnung auf Früchte in Gemeinschaften, die eine erneuerte Pädagogik des Glaubens reifen ließen. Der Heilige Geist hat von einer höchst voluntaristischen Askese weggeführt, hin zu einer vertieften Sicht der unentgeltlichen Liebe Gottes. Gott geht uns entgegen. Er will nicht, dass wir ihn mit unseren Leistungen für uns einnehmen, sondern nutzt unsere Armut, um sein Erbarmen über uns auszubreiten. Wie verwirklicht und wie verkündet das Opus Dei heute diese Beziehung zu Gott?

Der Geist des Opus Dei gründet auf einem lebendigen Bewusstsein unserer Gotteskindschaft. In „Freunde Gottes“ schrieb der heilige Josefmaria: „Gott ist ein Vater voll von Zartgefühl und unendlicher Liebe. Nenne Ihn Vater oftmals während des Tages. Sage Ihm – du allein, in deinem Herzen –, dass du Ihn liebst, Ihn anbetest, dass du dich stolz und stark fühlst, weil du sein Sohn bist.“ Das ist die Richtung, in der das Opus Dei die Beziehung zu Gott verkündet. So heißt es bei Johannes: „Seht, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es“ (1 Joh 3,1).

In einer Welt, die sich oft genug in einer Kultur des Klagens verfängt, ist dieses Auskosten von Vaterliebe der wahre Schlüssel zu gelebter Hoffnung.

Auf diese wunderbare Realität müssen wir immer bauen, ganz besonders heute zutage. Sie hilft, allen Pessimismus zu überwinden, der uns angesichts der Probleme des Lebens beschleichen kann – einschließlich unserer eigenen Fehler. Sie hilft über die Schwierigkeiten bei der Evangelisierung hinweg und sogar, wenn uns die Lage der Welt ganz allgemein bedrückt. Unser Leben ist kein Kitschroman, sondern eine Art Heldengedicht. Die Gewissheit, dass wir Kinder Gottes sind, hilft uns vertrauensvoll, dankbar und froh zu leben, gerade in unserer Welt mit all ihrer Not und mit all ihrer Schönheit. Der Weltfriede hängt mehr von dem ab, was jeder von uns in seinem normalen Leben dazu beiträgt – wenn er lächelt, verzeiht und sich selbst nicht so wichtig nimmt – als von zwischenstaatlichen Verhandlungen, so notwendig und wichtig sie sind.

Von Ihrem ersten Hirtenbrief als Prälat an betonen Sie immer wieder die zentrale Stellung Jesu Christi. Wenn wir nicht in eine christliche Ideologie oder gut gemeinte Rituale abgleiten wollen, müssen wir die Liebe Gottes immer wieder persönlich erfahren und in ihr leben. Nur als Konsequenz daraus können in der Kirche immer wieder christliches Leben und die Fülle der Gnade aufblühen. Wie will das Opus Dei dieses Kerygma der unerschöpflichen Guten Nachricht verkünden?

In erster Linie durch ehrliche Freundschaft von Mensch zu Mensch, die stets beide bereichert. Das beiderseitige Zeugnis und der Austausch eigener Erfahrungen sind von wesentlicher Bedeutung für die Evangelisierung. Das ist weit wirksamer als theoretische Diskurse. Natürlich schließt das keineswegs vielfältige persönliche Initiativen aus, aus denen dann auch unterschiedliche Aktionen der Evangelisierung erwachsen können wie zum Beispiel Bildungs- und Sozialwerke. Mitunter übernimmt die Prälatur die Verantwortung für die christliche Ausrichtung solcher Werke und stellt ihre geistliche Betreuung durch Priester des Opus Dei sicher.

Das Opus Dei war in der Kirche als prophetischer Aufbruch entstanden. Aber dann fiel der Tod des Gründers mit den ersten Jahren des nachkonziliaren Tsunami zusammen. Da war es logisch, dass sich das Werk an die Fundamente klammerte. Kann es sein, dass es bei so viel Verwirrung und Chaos, wie sie das Schiff Petri durchgemacht hat und durchmacht, immer noch spalterische Kapricen gibt?

Die Treue zu Gott hat die gesamten zwanzig Jahrhunderte Christentum erleuchtet. Stets hat die Treue zum christlichen Glauben, die ja Treue zu Jesus Christus ist, Dynamik, Erneuerung und Umgestaltung bewirkt. Ich denke, dass nach dem Zeiten Vatikanum die Versuchung zu spalten, die Sie erwähnen, tatsächlich aufgekommen ist, als die Konsequenzen der „Hermeneutik des Bruchs“ sichtbar wurden, von der Benedikt XVI. in einer berühmten Rede gesprochen hat.

Jedenfalls sind Bruch und Spaltung konjunkturabhängige Reaktionen, die es zu überwinden gilt. Beide sind Folgen einer politisch dialektischen Geisteshaltung, die der Kirche fremd ist. In der Kirche gibt es keine Parteiungen oder Parteien – beziehungsweise dürfte es nicht geben, vielmehr Einheit innerhalb des legitimen Pluralismus.

Der Relativismus verwüstet unsere orientierungslose Gesellschaft. Das Opus Dei ist „berühmt“ für seine Treue zu Kirche und Papst. In derart aufgewühlten Zeiten ist das ein Segen. Mitten im Sturm gibt die Betonung der Glaubenslehre Sicherheit, kann aber auch in Reglementierungsstreben enden. Wie lässt sich unverbrüchliche Treue gegen Gottes Gesetz mit der fröhlichen Freiheit der Kinder Gottes verbinden?

Viele Probleme entstehen, wenn wir Scheinalternativen aufbauen oder die Realität auf dialektisch vereinfachte Stereotype reduzieren. Treue oder Kreativität, Orthodoxie oder Freiheit, Lehre oder Leben… Ich denke, wir sollten uns einer Haltung befleißigen, die beides einbezieht und sicher sehr christlich ist. Die Wirklichkeit lässt sich nicht in ein System einander ausschließender Kategorisierungen einsperren. Sie nötigt uns Ausgewogenheit, Mäßigung, Einbindung anderer ab und wird sich am Ende sehr positiv auswirken, auch auf die zwischenmenschlichen Beziehungen.

Die Dialektik führt in der Tat zu Kurzschlüssen. Betrachten wir das Ganze aus einem integrativeren Blickwinkel. Sie hören gerne Beethoven. Wie kann man der Partitur folgen, wenn man sie gleichzeitig interpretiert?

Ich halte die Treue zur Glaubenslehre und die Offenheit gegenüber den Eingebungen des Geistes für voll und ganz miteinander vereinbar. Die Geschichte der Kirche bestätigt das. Ohne ihre Identität zu verlieren, ist sie doch ständig neu. In diesem Kontext scheint mir die Freiheit des Geistes besonders wichtig zu sein. Sie besteht offensichtlich nicht in der Abwesenheit von Pflichten und Bindungen, sondern in der Liebe. Augustinus sagt es mit dem berühmten Satz: „Liebe und tu, was du willst.“ Und Thomas von Aquin schreibt in anderer Fachsprache: „Je mehr Liebe man hat, umso mehr Freiheit hat man.“

Demnach hieße kreative Treue, frei sein zu lieben, indem man sich der immerwährenden Neuheit des Geistes öffnen will…

Sicherlich ändert sich die Art und Weise, sich auszudrücken und zu handeln, aber der Kern, der Geist, bleibt unverändert. Treue besteht nie in mechanischer Wiederholung, sondern erwächst aus der Anwendung desselben Geistes auf unterschiedliche Gegebenheiten. Dabei wird man manches Mal auch Nebensächliches beibehalten, doch andere Male hat man Anlass, es abzuändern. Insoweit ist ein gelassenes und offenes Unterscheidungsvermögen im Licht des Heiligen Geistes von fundamentaler Bedeutung – insbesondere, um die Grenze zwischen Nebensächlichem und Wesentlichem zu erkennen, die mitunter nicht klar zutage liegt.

Ein weiteres Risiko für unsere Kirche besteht im doktrinären Übereifer von immer mehr Menschen, die sich in einem Rationalismus verfangen haben, der die sinnenhafte Dimension des persönlichen Verhältnisses zu Gott übergeht. Als glitte ein Glaubensleben aus dem Herzen bereits in Gefühlsduselei ab. Oder trauen Sie sich als Physiker zu, Gott mit Hilfe einer mathematischen Gleichung näherzukommen?

In den Jahren meines Theologiestudiums hat mich die Nähe zu bestimmten Menschen gelehrt, das Licht des Glaubens auch beim vernunftgemäßen Denken hoch zu veranschlagen. Aber stets, ohne die sinnenhafte Seite, das Herz und die Gefühle abzuwerten, die ja zutiefst menschlich sind. Unser Gott ist uns immer nahe. Gerade in der Eucharistie kommt Jesus Christus unserem Herzen ganz nahe.

Die Wiedergewinnung fruchtbarer Stille dürfte eine der provokantesten Herausforderungen unserer Epoche an uns sein. Was die Bildung von Christen angeht, die dazu berufen sind, mitten in der Welt in der Gegenwart Gottes zu leben, kennt sich das Opus Dei bestens aus. Einen besonders kurzer Weg zu diesem Ziel hat uns der heilige Josefmaria geschenkt: Er lädt dazu ein, sich in das Evangelium hineinzuversetzen, der bleibenden Quelle der Weisheit und des Friedens, so als sei man eine weitere Figur in ihren Berichten. Wie kann man den lebendigen Jesus heute und jetzt berühren?

Als der heilige Josefmaria riet, sich in die Episoden des Evangeliums hineinzuversetzen, gab er seine eigene Erfahrung weiter. Gott hatte ihm einen lebendigen Glauben an die Menschwerdung geschenkt, aus der seine glühende Liebe zu unserem Herrn erwuchs. So folgte er Jesus auf dessen Erdenwegen und sah in seinen Spuren den eigenen Weg vorgezeichnet. Jesus Christus, der Gott ist und Mensch: Der als Mensch unter den Menschen lebt, der heranwächst, der erzogen wird, der im Schoße einer Familie lebt, der arbeitet, der Freunde hat, der mit seinen Nachbarn redet, der leidet und weint... Er zeigt uns den Wert alles Menschlichen vor Gottes Angesicht. Und er zeigt uns, dass unser normales Leben deshalb göttlichen Wert hat, wenn wir es nur in Einheit mit ihm leben. Auf diese Weise können wir den lebenden Jesus in allen Situationen unseres Alltagslebens „berühren“. Und das besonders da, wo sich die Präsenz des Herrn deutlich zeigt: in den Kindern, in den Armen, weil er sich vor allem mit ihnen identifizieren wollte, in den Kranken, die der Papst „das leidende Fleisch Christi“ nennt, und wie gesagt am intensivsten in der Eucharistie.

Das Opus Dei steht im Ruf einer kompakten Einheit. Das ist gewiss verdienstlich. Dagegen sind Weisen gesunder Selbstkritik nicht gerade leicht zu entdecken. Zu Beginn Ihres ersten Schreibens an die Gläubigen des Werkes sprechen sie viele gute Werke an – wirklich gute Werke, die Ihr gemeinsam gewirkt habt. Nur frage ich mich, ob die Bezugnahme auf das Gute und Ideale – die nötig ist, wie ich sehr wohl verstehe – nicht doch ein Nährboden der Selbstgefälligkeit werden oder zu einem Denken in Idealen verleiten kann, das das, was man gemäß dem göttlichen Charisma zu sein erstrebt, mit dem verwechselt, was man gemäß dem oft armseligen menschlichen Tun in Wirklichkeit ist.

Selbstgefälligkeit ist eine Gefahr für jeden, der Gutes tun will. Und genau wie alle anderen müssen auch wir im Opus Dei davor auf der Hut sein. Wie zuvor erwähnt habe ich über zwanzig Jahre eng mit Don Javier zusammengearbeitet. Er sagte uns immer wieder, dass wir weder besser sind als andere, noch uns besser vorkommen und dass jeder von uns fähig ist, die schlimmsten Sachen zu machen. Aber persönliche Demut reicht nicht. Es gibt auch eine kollektive, geradezu institutionelle Demut, die sich auf vielfältige Weise äußert: Etwa in der Art, wie man redet oder wie man seine aufrichtige Wertschätzung für das Tun anderer kundtut und so weiter. Insofern ist es keine Selbstlob, wenn man Gutes anerkennt, sondern Dank an Gott, der es uns gewährt. Ich bitte Gott, dass er uns von der Selbst-Beweihräucherung befreit, vor der uns Don Javier oft und eindringlich warnte. Auch darin folgte er dem heiligen Josefmaria.

In diesem Sinne finde ich es sehr schön, dass Sie von einem kleinen Teil der Kirche (partecica de la Iglesia) sprechen, wenn Sie das Opus Dei meinen. kirchliche Familien, die der Heilige Geist erdacht hat, laufen gelegentlich Gefahr, nicht über ihren Tellerrand hinauszuschauen. In ihrer Kurzsichtigkeit verehren sie nur die Institution, das eigene Charisma, den eigenen Gründer... Wie kann man vermeiden, seine Hausmarke zu bewerben, ohne vorrangig auf das Antlitz Gottes und auf die Einheit mit der Kirche zu schauen?

Der Ausdruck „partecica de la Iglesia“ stammt vom heiligen Josefmaria, der den volkstümlichen Diminutiv seiner Heimatregion Aragonien nutze, um seiner Aussage einen affektiven Unterton zu geben. Die Versuchung zur Selbstbezogenheit lauert jedem auf, sei es aus übertriebener Begeisterung oder aus Unkenntnis anderer Realitäten oder aus einer gewissen Eitelkeit. Vor dieser Gefahr hat uns der heilige Josefmaria gewarnt, indem er uns oft daran erinnerte, dass das Werk ausschließlich dazu da ist, der Kirche so zu dienen, wie sie will, dass man ihr dient. Der Kirche dienen ist ein notwendiger Ausdruck der Liebe zu Jesus Christus. Wenn sich ein jeder von uns sein Leben lang daran hält, sind wir auf dem richtigen Weg.

Ich frage mich manchmal, ob wir bei all unserem Beten für die Einheit der Christen nicht die „innerkirchliche Ökumene“ vergessen. Zum Beispiel ist die Familie eines der großen Opfer unserer Gesellschaft und leider auch unserer Kirche. Etwa nach dem Muster einer Frage, die kinderreiche Familien in Spanien oft zu hören bekommen: „Vom Opus oder von den Kikos?“ (Anm. d. Übers.: Kürzel für den Neokatechumenalen Weg des Gründers Kiko Argüello.) Aber viele Normalchristen haben den Eindruck, dass die einen wie die anderen nur den eigenen Weg im Sinn haben. Wie kann man erreichen, dass jeder – in aller Treue zu den empfangenen Gnaden – lernt, den Reichtum der anderen als eine Frucht des vielfältigen Handelns Gottes zu lieben?

Man kann nur lieben, was man kennt. Viele Spaltungen und Missverständnisse im Schoß der Kirche sind mit mangelhaftem Wissen zu erklären, wären aber durch größere Wirklichkeitsnähe guten teils zu lösen. Außerdem heißt Liebe zu Jesus Christus Liebe zu allen, besonders zu denen, die ihr Leben auf die eine oder andere Weise dem Dienst am Evangelium widmen. Daneben baut auch die Freude ehrliche Brücken über die Unterschiede zwischen den Menschen hinweg.

Um beim gegenseitigen Kennenlernen zu bleiben – zuerst der Nächsten im Glauben, hier eine Hypothese. Was wäre, wenn ihr gemeinsam eine Initiative organisieren würdet? Zum Beispiel wenn ein Familien-Event von Neokatechumenalen und Gläubigen des Opus Dei zusammen auf die Beine gestellt würde oder wenn die Gioventú Studentesca von Comunione e Liberazione an einem UNIV-Kongress teilnähme oder wenn ihr Schulter an Schulter mit den Fokolare einen interreligiösen Akt veranstalten würdet?

Wie Papst Franziskus mahnt, laufen wir Katholiken Gefahr, das Apostolat auf Strukturen, Aktivitäten und Events zu reduzieren, die sich oft genug nicht besonders eignen, Herz und Kopf derjenigen zu erreichen, die Jesus Christus nicht kennen. Das Wichtigste im Opus Dei ist, gute christliche Bildung zu erteilen, so dass jeder einzelne frei und initiativ, das heißt individuell handeln kann. Die möglichen Treffen, die Sie genannt haben, mögen hie und da nützlich sein und finden auch gelegentlich statt, speziell, wenn es der Papst oder Bischöfe sind, die die Initiative ergreifen. Über solche Treffen hinaus, sollten wir uns jedenfalls überwiegend da begegnen, wo jeder seine normalen Aktivitäten entfaltet: In den Bereichen Beruf, Erziehung, Kultur, Geschäftsleben, Politik. Dort sind schon Katholiken mit unterschiedlichen Einfühlungsgaben tätig, und dort können wir in unzähligen Evangelisierungs-Aktivitäten zusammenarbeiten: mit ökumenischem Gespür, Hand in Hand mit anderen Christen, geistig offen und in enger Verbindung mit vielen Menschen guten Willens.

Die nächste Synode der Kirche wird sich der Berufung junger Leuten widmen. Um dieses Thema hat es Polemiken mit dem Opus Dei gegeben. Ein gut gemeinter apostolischer Eifer hat Entscheidungen zur Hingabe „erzwungen“ oder die Mission zu einer Aufgabe gemacht, über deren Ergebnisse man Rechenschaft abzulegen hat. Falls es so gewesen ist: Wie kann man verhindern, dass es wieder passiert? Wäre es fruchtbar, den Proselytismus zu überwinden und ein Apostolat der „Ansteckung“ zu fördern?

Benedikt XVI. und Franziskus haben das Wort Proselytismus in dem negativen Sinne benutzt, den es in jüngerer Zeit besonders im Bereich der Ökumene angenommen hat, und sehr treffend erläutert, worin das christliche Apostolat besteht. Natürlich war der Sinn keineswegs negativ, in dem der heilige Josefmaria den Ausdruck „Proselytismus“ gebrauchte. Schließlich war er ein entschiedener Verfechter der Freiheit. Womöglich haben einige manchmal die Fehler begangen, die Sie erwähnen. Dabei fällt mir eine kleine Begebenheit ein, die in einer Reihe mit vielen anderen praktischen Äußerungen dieser Freiheitsliebe des heiligen Josefmaria steht und die ich für sehr bezeichnend halte. Als ihn einmal eine werdende Mutter um seinen Segen für ihr Kind bat, segnete er sie mit den Worten: „Sei ein guter Freund der Freiheit!“

Vielleicht sollte es das Ziel sein, dass sich die anderen fragen: Von wem haben diese Leute bloß die Freude und die Liebe, die sie ausstrahlen?“

Tatsächlich geht es nicht so sehr darum, Apostolat zu betreiben als Apostel zu sein. Deshalb wiederhole ich, dass das Zeugnis absolut notwendig ist. Das schließt aber die ausdrückliche Weitergabe des Evangeliums nicht aus, sondern erfordert sie – erfordert den Vorschlag, Jesus Christus nachzufolgen. Das kann nur aus der Liebe zu den anderen erwachsen und muss im vollen Respekt vor ihrer Intimität und ihrer Freiheit geschehen. Wie immer ist auch hier das Vorbild Jesu erhellend und entscheidend. Nicht nur, dass er „auf Erden wandelte und Gutes tat“, vielmehr war er sehr entschieden und direkt in seinen konkreten Vorschlägen: „Folge mir!“; „Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium!“

Das Opus Dei ist durch seine Aufwendungen im Erziehungswesen auf allen Ebenen und in allen Kontinenten zu einer Bezugsgröße geworden. Wie kann man in der Welt leben, ohne zu verweltlichen? Manchmal dringt Erfolgsdenken in Unternehmungen ein, die von religiösen Institutionen geführt werden, so dass der Gewinn von Exzellenz oder fassbare, von Rankings prämierte Verdienste an die erste Stelle rücken. Wie kann man verhindern, dass die eigentliche Sendung schließlich verdeckt wird: Indem man immer mehr und immer besser die Schönheit des Antlitzes Gottes aufzeigt?

Vorhin habe ich auf die Gefahr dialektischer Stereotype verwiesen. Wenn Leute vom Opus Dei Bildungseinrichtungen aufbauen, denke ich, dass es ihnen um zweierlei geht, exzellente professionelle Qualität und exzellente christliche Erziehung zu bieten, bei der sie stets die Freiheit ihrer Schüler, Studenten und deren Familien achten. Das steht nicht nur nicht im Widerspruch zueinander, sondern ihre christliche Einstellung erfordert beides. Aus anderer Perspektive formuliert geht es darum, mit Taten zu bestätigen, dass der Umstand Christ zu sein kein Grund ist, die Dinge im natürlich-menschlichen Bereich schlampig zu betreiben – ganz im Gegenteil.

Ich fürchte, mich nicht richtig ausgedrückt zu haben. Es geht nicht so sehr um die Alternative „entweder menschlichen Gewinn erzielen oder Gott aufweisen“. Auch habe ich nicht speziell die Apostolate des Opus Dei im Blick. Wir leben in einem Klima kämpferischen Laizismus, in dem wir leicht denken könnten, Gott auch nur zu nennen, könne gefährlich werden, sodass wir ihn lieber ganz klein schreiben oder am Ende nur noch als falsches Etikett an unsere Ware heften. Auf welche Weise können wir die Herausforderung bestehen, natürlich, begeistert und ohne Komplexe von ihm zu sprechen, der die gesegnete Liebe ist, die unser Leben und unsere Unternehmungen erhält.

Gewiss haben wir das Gefühl, unsichere Zeiten zu durchleben. Gleichzeitig gewahrt man einen starken Wunsch nach Veränderung. Unsere Welt scheint sich von Gott fortzubewegen, und trotzdem ist großer Durst nach Spiritualität festzustellen… Wir fürchten Konflikte und sehnen uns nach Frieden. Auch in dieser Zeit, in der wir nun einmal leben, handelt Gott: Stellen wir uns dem, was er heute, was er in diesem Moment tut! Sollen heutige Denker doch sagen, dass sich die Beziehungen unter den Menschen in unserer Gesellschaft auflösen, und sollen sie unser Scheitern in Beliebigkeit und Oberflächlichkeit feststellen. Uns kann das nicht pessimistisch stimmen und verbittern, sondern anspornen, unsere Mitmenschen mit der Freude des Evangeliums anzustecken.

Sollten wir dann nicht damit anfangen, die Gnade wichtiger zu nehmen als Zahlen? Wenn wir als Christen in der Minderheit sind, aber mit dem unschlagbaren Glauben eines winzigen Samenkorns leben…

Ich bin überzeugt, dass es heute zu den größten Herausforderungen der Kirche gehört, jedem einzelnen Hoffnung zu geben, besonders den Jüngeren, den Leidenden und zerbrechenden Familien, den Opfern nicht nur der materiellen Armut, sondern auch der, die so oft als Vereinsamung und existentielle Leere auftritt. Diese Herausforderung müssen wir annehmen. Und wir müssen mit unseren persönlichen Begrenzungen und Sünden rechnen. Beides ist nur möglich, wenn wir selbst unter dem erbarmenden Blick Jesu wieder aufleben und ihn bitten, uns zu unseren Zeitgenossen zu senden, damit wir ihnen seine Liebe bringen.

Die Kirche wollte für das Werk die Formel einer Personalprälatur im Dienste an der Weltkirche und den Teilkirchen. Trotzdem wird es nicht selten für eine außerdiözesane Struktur gehalten. Zugegeben, viele Priester der Prälatur lindern den Mangel an Diözesanpriestern. Nun wird den Gläubigen der Prälatur ihre Bildung aber in eigenen Zentren vermittelt. Außerdem haben sie eigene Beichtväter und eigene apostolische Werke. Das kann in der Praxis begünstigen, dass sich ihr Leben am Rande des pfarrlichen Gemeindelebens abspielt. Was kann helfen, dass sie lebendige Steine im Bau der Kirche werden – tragende Teile, keine Anbau-Elemente?

Ein solcher Eindruck mag entstehen, wenn man im Zusammenhang mit dem Werk hauptsächlich an die Priester der Prälatur oder die Numerarier denkt. Aber die meisten Angehörigen des Opus Dei sind Supernumerarier, die sich aktiv am Leben ihrer Pfarreien beteiligen. Wieviel Zeit sie dafür aufbringen, richtet sich nach der Vereinbarkeit mit ihren beruflichen und familiären Pflichten. Das ist nicht immer leicht, doch tut ein jeder, was er kann.

Auf der anderen Seite widmen sich die Diözesanpriester, die Mitglieder der Priestergesellschaft vom Heiligen Kreuz sind, voll und ganz den pastoralen Aufgaben ihres Bistums. Ich nehme an, dass diese wohl noch wenig bekannte ekklesiale Dimension im Laufe der Zeit deutlicher wird.

Manchmal verlieren wir aus dem Blick, dass die Kirche der mystische Leib Christi ist. Und dass jeder einzelne mit seiner Berufung über die Gemeinschaft der Heiligen zu diesem Gnadenstrom beitragen kann. Doch frage ich mich, ob nicht eine weitere der großen Aufgaben unserer Kirche darin besteht, dass sich die Pfarrgemeinden durch die Charismen mehr und besser beschenken lassen, die der Heilige Geist weckt. Ich fürchte, dass auf beiden Seiten weit mehr Anstrengungen nötig sind, Vorurteile zu überwinden und auf einander zuzugehen.

In diesem Sinne kann uns ein Wechsel der Einstellung helfen. Statt zu vorzurechnen, was jeder tut, dem Herrn danken, dass wir alle unsere Beiträge leisten. Meines Erachtens habe ich mich in meinem ersten Brief als Prälat in dieser Beziehung deutlich ausgedrückt: Ich möchte „einige Gläubige der Prälatur, Mitarbeiter und junge Leute … ermuntern, dass sie sich anbieten, aktiv und mit voller persönlicher Freiheit und Verantwortung Katechesen, Ehevorbereitungskurse und soziale Aufgaben in den Pfarreien zu unterstützen oder wo immer es nötig ist. Das ist zu befürworten, solange es sich um Aufgaben handelt, die zu ihrer Grundverfassung als echte Laien mit echt laikaler Denkweise passen. Dabei hängen sie natürlich in keiner Weise von der Leitung der Prälatur ab. Zugleich möchte ich ganz ausdrücklich die Ordensleute würdigen, die so viel Gutes für die Kirche und die Welt getan haben und weiterhin tun. ‚Wer den Ordensstand nicht liebt und verehrt, ist kein gutes Kind von mir, hat uns unser Vater gelehrt. Außerdem denke ich gern an so viele Ordensleute und Diözesanpriester, deren Berufung in der hilfreichen Atmosphäre des Werkes aufgekeimt ist.

Mir fällt noch etwas ein, was beim Werk oft infrage gestellt wird, ein Aspekt seiner pastoralen Praxis. Geht die Tatsache, dass Männer und Frauen getrennt sind, so wirksam und nötig das manchmal ist, auf einen Zug des Gründungs-Charismas zurück? Kann das nicht unnatürlich wirken, wenn keine Ausnahmen zugelassen werden? Von außen kann das so aussehen, als würden dadurch gesunde Initiativen erstickt, die auf natürliche Weise entstehen und / oder das Miteinander der Jugendlichen beziehungsweise die spirituelle Gemeinschaft der Ehepaare erleichtern …

Die Trennung von Frauen und Männern beschränkt sich im Werk auf die Bildungsmittel, die Zentren, in denen sie stattfinden, und auf die Organisation der verschiedenen Apostolate. In diesen Fällen gehört die Trennung aus Gründen pastoraler Erfahrung zum Gründungs-Charisma, auch wenn ich verstehe, das manche es anders sehen und andere, ebenso legitime Verfahrensweisen vorziehen. Außerhalb der Bildungsmittel gibt es eine Vielzahl von Aktivitäten, an denen Frauen und Männer teilnehmen: Kurse für Ehe-oder Brautpaare, Elternabende in Jugendclubs, Veranstaltungen von Pfarrgemeinden, die Priester der Prälatur leiten usw. Ganz zu schweigen von den unzähligen Initiativen, die sich der Eigeninitiative und Kreativität von Familien verdanken. Meiner Meinung nach kommt es darauf an, dass verheiratete Männer und Frauen eine Bildung erhalten, die ihre Ehe und ihre Familie stärken hilft. Aus diesem Bestreben bieten wir ihnen die Bildungsmittel des Werkes an.

Wir leben in einer angespannten und zugleich spannenden Zeit. Ich denke an die Orte, wo die Kirche verfolgt wird. Selbst dort, unter den Missionaren des 21. Jahrhunderts, gibt es viele Spanier vom Opus Dei, die von Gott künden. Dafür sind wir im alten Europa eher taub geworden. Wie können wir all unseren Brüdern, die ihr Leben für Christus hergeben, ihr Martyrium leichter machen.

An erster Stelle, indem wir ihnen im Gebet nahe sind. Wir dürfen uns nicht an die Nachrichten gewöhnen, die uns leider täglich erreichen. Der heilige Josefmaria, der ein lebhaftes Gespür für alles hatte, was der Kirche Schaden zufügt, prangerte eine „Verschwörung des Schweigens“ an, die damals besonders auf den verfolgten Christen hinter dem Eisernen Vorhang lastete. Er bat die Angehörigen des Werkes, Front gegen das Schweigen vieler Medien zu machen. – Und ich denke, dass das dieser Rat alle Katholiken angeht. – Wir sollten alles bekannt machen, was mit den verfolgten Christen geschieht. Information ist der Schlüssel, weil sie uns bewegen kann, ihnen großzügiger und aktiver zu helfen.

Gelegentlich beschleicht einen das Gefühl, in einer Welt zu leben, die etwas aus den Fugen geraten ist. Worum haben Sie Unsere Liebe Frau auf Ihrer Fatima-Reise gebeten?

In ihrer mütterlichen Gegenwart bin ich einige Herausforderungen unserer heute so komplexen und aufwühlenden Welt durchgegangen. Ich habe sie um die Gnade gebeten, allen das Evangelium in seiner ursprünglichen Reinheit und strahlenden Neuheit bringen zu können. In einer späteren Botschaft habe ich meinen Kindern etwas geschrieben, das uns wohl auch hier helfen kann: An jeden von uns richtet sich „der Ruf, sich mit seinen geistlichen und intellektuellen Anlagen, seinen beruflichen Kompetenzen oder seiner Lebenserfahrung, und auch mit seinen Grenzen und Fehlern, einzusetzen und herauszufinden, wie er extensiver und intensiver an der immensen Aufgabe mitarbeiten kann, Christus an die Spitze aller menschlichen Tätigkeiten zu stellen. Dafür ist es nötig, die Zeit, in der wir leben, in ihrer Tiefe auszuloten, die dynamischen Prozesse, die sie durchziehen, und ihre charakteristischen Möglichkeiten zu erkennen, aber auch die Grenzen und die zum Teil gravierenden Ungerechtigkeiten, die sie belasten, im Blick zu haben. Vor allem jedoch ist unsere persönliche Verbindung mit Christus im Gebet und in den Sakramenten von unverzichtbarer Bedeutung. Nur so können wir uns stets bereithalten für das Wirken des Heiligen Geistes, um voll Liebe an die Herzenstüren unserer Mitmenschen zu klopfen.“

Ich nehme diese Worte als passenden Ausklang für dieses Gespräch. Gerne hätte ich noch weitere Themen angeschnitten, doch müssen wir es dabei belassen. Ich bedanke mich herzlich für die Zeit, die sich dafür genommen haben. Danke für die Offenheit und dafür, dass Sie keine unbequeme Frage abgelehnt haben. Und Dank auch dafür, dass wir beide zusammen versucht haben, Brücken zu schlagen.

Auch ich bedanke mich für die Zeit, die Sie mir gewidmet haben. Außerdem war es großartig, in einem Klima der Freiheit, Offenheit und Zuwendung miteinander zu sprechen, in dem jeder vom anderen lernt. Es hat mich auch gefreut, dass Sie mir ein paar Fragen gestellt haben, die vielleicht unbequem wirken, aber die Gelegenheit boten, interessante Aspekte zu behandeln. Außerdem kamen sie aus dem geradlinigen und ehrlichen Wunsch, bei der Verbreitung der Wahrheit zusammenzuarbeiten. Dabei fällt mir ein Wort aus dem Dritten Johannesbrief ein, das Joseph Ratzinger als bischöflichen Wahlspruch gewählt hatte: „Mitarbeiter der Wahrheit“.

Gott sei der Dank! Aber Dank auch Ihnen für Ihre Selbstlosigkeit bei der geistlichen Führung Tausender von Menschen aller Rassen und Lebenslagen weltweit. Wir sind darauf angewiesen, dass Sie in der Freude des Evangeliums fortfahren die Familien, die Kirche und diese unsere gesegnete Welt aufzubauen. Möge auch jeder einzelne Leser ein Dieb sein, der Gott die nötigen Gebetshilfen stiehlt, um seine Mission treu erfüllen zu können. Dann ist er es, der dieses Match gewonnen hat.