Der Mensch als Krone der Schöpfung

„Neodarwinistische Evolutionstheorie und die Frage nach Gott“ – Vortrag von Professor Rhonheimer im „Darwin-Jahr“

Die neodarwinistische Evolutionstheorie muss weder den Glauben an Gott noch die Wahrheit der biblischen Offenbarung gefährden. Diese Aussage stellte Martin Rhonheimer an den Anfang seines Vortrages am 28. Mai im Berliner Bildungszentrum Feldmark. Man müsse aber die beide Achsen des Koordinatenkreuzes kennen, in dem sich die komplexe Diskussion über Glaube und Evolution bewegt: Einerseits Klarheit darüber, was wir unter Gott und unter Schöpfung verstehen. Andererseits ausreichende Vertrautheit mit der Evolutionstheorie auf ihrem heutigen Stand. Sonst bleibt unverständlich, so Rhonheimer, dass sie eine ernsthafte wissenschaftliche Theorie darstellt, die uns nicht zu leugnende Fakten auf rational befriedigende, ja ausgesprochen „schöne“ Weise erklärt und zugleich ohne Alternative dastehe. „Entweder wir verstehen die Naturgeschichte des Lebens im Rahmen der modernen Evolutionstheorie“, sagte der Philosoph an der Universität Santa Croce in Rom, „oder wir verstehen sie überhaupt nicht, das heißt: wir verzichten gänzlich auf eine wissenschaftliche Erklärung. Doch das will eigentlich niemand, weder Gläubige noch Ungläubige.“ 

Die moderne Evolutionstheorie selbst impliziere weder Atheismus noch Materialismus, auch wenn sie uns ein Bild der Naturgeschichte des Lebens und generell der Natur biete, die nicht des Rekurses auf Gott oder Schöpfung bedürfe, um deren innere Wirkmechanismen sowie ihrer Entwicklungsgeschichte zu erklären. Aber auch eine so verstandene Natur führe schließlich zur metaphysischen Frage nach ihrem Ursprung und zu einer neuen Form des „Gottesbeweises“. Rhonheimer bezeichnete sowohl den Kreationismus wie auch das vieldiskutierte „Intelligent Design“ als Irrwege, weil diese beiden Versuche die Ursprungsfrage falsch stellten und auf einem falschen Gottesbild beruhten. 

„Denn hier werden Naturwissenschaft, Metaphysik und Religion vermengt, was zu einer Konfusion führt, wie wir die Beziehung zwischen Gott und Natur denken müssen. Gott wird zu einer Antwort auf naturwissenschaftliche Fragen und ungelöste naturwissenschaftliche Probleme, zu einer Art ´Lückenbüßer´. Gott ist aber die Antwort auf eine philosophische Frage.“ 

Zur Stellung des Menschen in der Schöpfung sagte der Schweizer Philosoph: „Auch wenn die gesamte Evolution und insbesondere die Evolution des Menschen biologisch betrachtet keinesfalls zielgerichtet verläuft, sondern auch mit Momenten des Zufalls durchsetzt ist, liefert dies kein Argument gegen die Sonderstellung des Menschen als ‚Krone der Schöpfung’. Es sind nicht die Naturwissenschaften, die uns lehren, wer der Mensch ist. Der Mensch darf nicht von der Evolution her, sondern die Evolution muss vom Menschen her interpretiert werden. Auf der Grundlage des Bewusstseins unserer Menschenwürde, die uns zu- oder abzuerkennen nicht in den Aufgabenbereich der Biologie fällt, können wir verstehen, dass die Evolution letztlich um des Menschen willen abgelaufen ist.“

  • von Horst Hennert