Mit den Vinzenzkonferenzen in die Slums

Alvaro del Portillo in den Armenvierteln von Madrid

Seliger Bischof Alvaro del Portillo

Don Alvaro war von Jugend an ein praktizierender Katholik. Das beschränkte sich nicht darauf, dass er regelmäßig die hl. Messe besuchte, beichtete und betete. Er kümmerte sich auch tatkräftig um die Armen, die es damals in Madrid in großer Zahl gab. In ganzen Vierteln hausten die Menschen in Hütten; sie kannten weder Kanalisation noch Elektrizität noch ausreichende Schulen.

Mit den Vinzenzkonferenzen in die Slums

1934 schloss sich Alvaro den Vinzenzkonferenzen seiner Heimatstadt an. Er nahm an den koordinierenden Sitzungen der Leitungsgruppe teil, zu denen auch der damalige Medizinstudent und spätere Jesuitengeneral Pedro Arrupe gehörte. In Gruppen ging man in die vernachlässigten und unruhigen Gebiete, um die Menschen dort materiell und geistlich zu unterstützen. Man verteilte Almosen, Bons für Mahlzeiten, Medikamente und manches mehr. Sonntags erteilte man Religionsunterricht in einer Pfarrei, sowohl Kindern als auch Erwachsenen.

Allen, die mithalfen, fiel auf, mit welcher Zuneigung und Einfühlung Álvaro diesen Menschen zu begegnen wusste.

Vier sich selbst überlassene Geschwister

Einmal entdeckte er zusammen mit einem Kollegen in einer Hütte vier hilflose kleine Geschwister; das jüngste war erst einjährig. Sie hatten nichts zu essen und zitterten vor Kälte. Es stellte sich heraus, dass die Polizei ihre Eltern verhaftet und ins Gefängnis gesperrt hatte; die Kinder selbst hatte sie einfach ihrem Schicksal überlassen. Die beiden Studenten brachten alle vier zum Polizeiposten, den sie jedoch verschlossen vorfanden. Da bewogen sie einen Nachbarn dazu, sich gegen ein Entgelt einen Tag lang um sie zu kümmern. Am nächsten Tag holten sie die Kinder wieder ab und gingen nochmals mit ihnen zur Polizei. Álvaro trug das Jüngste, das noch nicht gehen konnte, auf den Armen. Die Polizisten aber wollten von den Kindern nichts wissen, und so suchten die beiden Studenten eine andere Lösung. Schließlich fanden sie in der Nähe der Universität eine Wohlfahrtseinrichtung, die bereit war, die Kinder vorerst aufzunehmen.

Katechese unter Lebensgefahr

Das Engagement in den Madrider Slums verlangte aber nicht nur Nächstenliebe und Großzügigkeit, sondern auch eine gehörige Portion Mut. Die Anarchosyndikalisten und Kommunisten betrachteten diese Elendsviertel als ihr Revier sowie als agitatorischen Hebel, um das Land politisch zu destabilisieren und ‒ wie es einer ihrer prominentesten Führer offen bekannte ‒ einen Bürgerkrieg zuprovozieren. Die christliche Sozialarbeit an diesen Orten kam ihnen dabei in die Quere.

Besonders drastisch bekam Álvaro die Feindseligkeit am 4. Februar 1934 zu spüren. Er und seine Kollegen erteilten an jenem Tag Religionsunterricht in der Pfarrei San Ramón im Stadtteil Vallecas. Dabei lauerte ihnen eine Gruppe von Agitatoren auf, Leute, die auch vor Mord nicht zurückschreckten. Gegen Ende des Unterrichts gingen sie zum Angriff über. Einem Kollegen Álvaros rissen sie ein Ohr ab, ihm selbst versetzten sie mit einem englischen Schlüssel einen schweren Hieb auf den Schädel. Álvaro floh mit blutver­schmiertem Mantel in eine nahe gelegene U-Bahn-Station, wo zu seinem Glück gerade ein Zug einfuhr. Er lief hinein, und die Türen schlossen sich eben noch rechtzeitig vor den anstürmenden Verfolgern.

Álvaro musste danach die Notfallstation aufsuchen. Die Behandlung, die er dort erhielt, ließ sehr zu wünschen übrig. Die Wunde entzündete sich und verursachte während Monaten enorme Schmerzen. Álvaro ertrug sie mit einem Gleichmut, der seinen Arzt in Staunen versetzte.

„Ein enormer geistlicher Schock“

Del Portillo betonte später, er habe von den Armen, denen er begegnete, immer gelernt. „Es waren Menschen, die nicht einmal zu essen hatten, und doch sah ich nichts als Freude bei ihnen. Für mich war das eine gewaltige Lektion.“ Und: „Der Kontakt mit der Armut, der Verwahrlosung provoziert einen enormen geistlichen Schock. Er zeigt uns, dass wir uns oft um Dummheiten sorgen, die nichts anderes sind als unsere Egoismen und Kleinlichkeiten.“ Dieser Schock, so sagte er, habe ihn auf seine spätere Begegnung mit dem hl. Josefmaria vorbereitet, die ihn bald zur Hingabe im Opus Dei führen sollte.

Quellen:

Medina Bayo, Javier: Álvaro del Portillo. Un hombre fiel. Rialp, Madrid 20133.

Bernal, Salvador: Alvaro del Portillo. An der Seite eines Heiligen. Adamas, Köln 2009.